6. Oktober 2019

Sonntag und Donnerstag sollen die spannendsten Tage für einen Besuch sein, denn dann ist Markt. Santiago ist die größte Gemeinde am See, hat etwa 60.000 Einwohner und soll das indigene Leben am besten bewahrt haben. Das Boot fährt auf der anderen Seite des Dorfes ab. Gerade haben wir spontan einen Sprachkurs gebucht, eine Ferienwohnung gemietet und unseren Aufenthalt um zehn Tage verlängert. Nur wenige Gehminuten weiter sind wir am Hafen. 20 Minuten dauert die Fahrt um den Vulkan San Pedro herum.

Kaum angekommen, noch auf dem Steg, sind wir schon abgeschleppt von einem jungen Mann mit breitem Grinsen, kurzer rosa Hose, hellblauem T-Shirt und strahlenden blauen Augen. Vermittelt auf eine einstündige Tuktuk Tour durch den Ort mit sechs(!) Sehenswürdigkeiten, die uns auf einem mit Klarsichtfilm gegen Wasser und Schmutz geschütztem Faltblatt präsentiert werden. OK, für uns nicht 15, sondern nur 10 Dollar pro Nase – wir werden schwach. Unser Guide wird dann doch ein ganz anderer, aber auch er spricht Englisch. Na, dann mal los …

The View

Zuerst fahren wir auf einen Berg, von dem aus man auf den Ort und den See schauen kann. 75 Meter tief ist der See hier in dieser kleinen Bucht, erfahren wir, 300 Meter tief an seiner tiefsten Stelle. (Kein Wunder, dass hier Menschen sterben, wenn bei heftigem Wind ein Boot kentert). Und vier Sorten Fische werden hier gefangen. In Stellagen, die wir von hier oben gut erkennen können, werden Shrimps gezüchtet.

Maximón

Maximon ist eine Kultfigur, die im nördlichen Guatemala verehrt wird. In Santiago de Atítlan steht die Figur jedes Jahr in einem anderen Haus, hat immer wieder einen anderen “Hüter”, der von einer Bruderschaft bestimmt wird. In dieses Haus dann kommen Menschen zum Bitten, sei es für die Gesundheit oder gegen den Erfolg eines Nebenbuhlers. Maximon kann nicht nur Gutes, sondern auch Schlechtes bewirken. Er ist da “neutral”. Da er gerne raucht und trinkt, sind Schnaps, Zigarren und Zigaretten die häufigsten Opfergaben. Aber natürlich auch Geld, das die beherbergende Familie verwendet, um Maximon gut unterzubringen. Die vielen Tücher um den Hals von Maximon wechseln. Wer ein neues mitbringt, kann ein anderes als Talisman mit nach Hause nehmen. Am 8. Mai jeden Jahres wird Maximon in einem großen Umzug durch die ganze Stadt getragen. Am Ende der Prozession wartet dann sein neues Zuhause. Gemessen an dem, was wir auf anderen Bildern im Netz sehen, hat Maximon diesmal eine eher bescheidene Bleibe gefunden.

Park des Friedens

Unser nächster Programmpunkt hat eine traurige Geschichte, spiegelt aber die Realität von Mittelamerika recht gut wieder. In den Auseinandersetzungen des Militärs (für die wohlhabende Oberschicht) mit der indigenen Bevölkerung kommt es immer wieder zu Aufständen und in den 1980ern in Teilen von Guatemala zu einem Guerillakrieg. Während im restlichen Land die Indigenen schon Mitte der 1980er besiegt sind, gehen die Kämpfe in Santiago noch fünf Jahre weiter. Am 2. Dezember 1990 treffen einige Bauern und Kinder im Ort mit dem Militär zusammen, die Soldaten schießen, 14 Menschen sterben und 21 werden verletzt. Damit endet die Konfrontation. Wie, darüber schweigt sich unser Guide aus. Das Militär hat gesiegt. An dem Ort der Schießerei, damals ein Feld, ist eine kleine Gedenkstätte errichtet worden, die “Park des Friedens” genannt wird. Für jeden Getöteten gibt es einen Stein.

Immer wieder auf dieser Reise fragen wir uns, wie es wohl ist in einer Gesellschaft zu leben, die solch eine gewalttätige Eroberungsgeschichte erlebt hat. In der die Konflikte von Arm und Reich, von Macht und Ohnmacht auch immer der Konflikt zwischen Eroberern und rechtmäßigen Bewohnern einer Landschaft ist. Und uns wird immer wieder bewusst, dass dies die Geschichte unseres heute so friedlichen Europas ist. Es waren Europäer, unsere Vorfahren, die ganz Amerika gewaltsam besetzt, die Ureinwohner vertrieben, ermordet und ausgebeutet haben.

Badeanstalt, Waschzuber und Freizeitpark

Unsere nächste Station hat dreierlei: Wir sind am See, am Ufer liegen ein paar klassische Einbäume, rechts daneben wird Wäsche gewaschen. Mit Seife, auf Steinen, die im Wasser liegen, geschlagen und gedrückt, später ausgespült. Schon in Panajachel und in San Pedro haben wir gesehen, dass einzelne Menschen sich und dann auch gleich ihre Kleidung im See waschen, aber hier ist es eine ganze Wäscherei. Etwas weiter oben am Berg stehen unter einem Dach eine ganze Reihe von Waschzubern aus Beton. Aber die sind unbenutzt alt geworden und jetzt mit einem einfachen Seil abgesperrt. Die Regierung, so unser Guide, hat die Zuber hier bauen lassen, damit die Menschen nicht mehr im See waschen (müssen?). Aber das würde aus traditionellen Gründen hier geschehen, zu Hause hätten sowieso alle solche Zuber. Gleich neben dem abgesperrten Waschplatz, aus derselben Zeit und demselben Beton, aber in reger Benutzung, der Freizeitpark. Ein paar Blumen, ein paar Bänke, eine weitere überdachte Fläche und ein Kiosk. Ein paar heftig verliebte Paare nutzen diesen Bereich heute. Es ist Sonntag. Vor uns, etwa dreißig Meter weiter, liegt die öffentliche Badeanstalt: Ein langer Steg, zweimal überdacht, und ein Haufen grölender und quietschender Jungs und junger Männer, die wild im Wasser plantschen. Keine einzige Frau. Mehr als anderswo fühlen wir uns hier als Voyeure, befördert durch die Bemerkung unseres Guides, der Platz sei öffentlich und wir sollten ruhig etwas Zeit hier verbringen. Früher als unser Fahrer sein Essen beendet hat, wollen wir weiter.

Die Frau von der Münze

Ja, sie lebe tatsächlich in Santiago Atítlan, die alte Frau auf der Münze, hatte der Anwerber am Bootssteg behauptet. Die Münze war auch gleich als Original auf das Prospekt geklebt gewesen. Eine alte Frau, im Viertelprofil, einen seltsamen Hut auf dem Kopf, einen traditionellen Hut, und wir könnten sie besuchen. Unsere nächste Station ist also eine sehr alte, sehr kleine Frau, die zwischen ein paar Andenken sitzt, die man kaufen könnte. Eine Bank vor dem Haus. Sobald wir bei ihr sind, reicht sie dem Guide zwei Münzen – dieselben, die wir schon gesehen haben. Wir erfahren, dass dieser Hut aus einem über 20 Meter langen schmalen Filzstreifen gewickelt sei und wir könnten zusehen, wie er angelegt wird. Der Hut ist eigentlich eine Scheibe, die um den Kopf sitzt und die Haare oben freilässt. Die alte kleine Frau steht auf, nimmt den Ring ab, wirft ihn vor sich auf den Boden. Das innere Ende ist an ihrem schütteren Zopf befestigt. Und wickelt ihn dann wieder auf. Wir sollen Fotos machen oder filmen. Wir fühlen uns unwohl, kommen uns ein wenig vor wie im Zoo. Als der Hut fertig ist, machen wir doch ein Abschiedsbild. Im Gehen sehen wir, wie unser Guide der Frau 5 Quetzales zusteckt, umgerechnet etwa 60 Cent.

Die katholische Kirche

Die letzte Sehenswürdigkeit sollen wir alleine besichtigen. Direkt neben der Kirche verabschiedet sich unser Guide und erklärt seinen Job für beendet. In dieser Kirche soll, ähnlich wie in Chamulá, christliche und Maya Religion verschmolzen sein. Es gibt keine Kiefernnadeln auf dem Boden, aber es hängt noch Copal in der Luft. Vorne am Altar beginnt ein Angestellter den Boden zu wischen. Ein kleiner Mann kniet vor einer Figur, betet, schluchzt, weint. Für sich, leise und doch eindringlich in der gerade so stillen Kirche. Die Kirche ist voll von Figuren, mal eher westlich, mal eher indigen aussehend. Neue und anscheinende sehr alte, hellere und sehr düstere. Wir bleiben eine Weile sitzen, berührt von dem Schmerz, der Verzweiflung des anderen. Erst als er gegangen ist, kann ich aufstehen und mich den Figuren nähern, die ihm so viel bedeutet haben.

Am Eingang rechts steht ein Gedenkstein für einen ermordeten Priester. Er wurde in seiner Wohnung gleich neben der Kirche vom Militär erschossen. Kein Einzelfall, wie wir später lesen. Viele katholische Priester haben sich während der Konflikte zwischen den entrechteten Indigenen und den Großgrundbesitzern auf die Seite der Armen gestellt. Und dafür mit dem Leben bezahlt. Die katholische Kirche hat geblutet, Kirchen und Konvente wurden geschlossen. Die Leere, die diese Verluste hinterlassen haben, lesen wir weiter, wurde dann über die Jahre von stark missionierenden evangelikalen Kirchen gefüllt. Anders als die katholische Kirche, lehnen diese die Naturreligion der Mayas strikt ab und auch die Bildhaftigkeit der katholischen Kirche wird als Götzendienst bezeichnet. Dafür bringen sie eine rigide, restriktive Moralität, oft von den Paulusbriefen genährt, wie wir das auch von den evangelikalen Kirchen in Deutschland kennen. Das Zimmer, in dem der Pastor ermordet wurde, kann man besichtigen. Wir lassen das aus.

Epilog

Es gibt noch einen Markt und jede Menge Kunsthandwerk. Aber nach zwei Stunden Input können wir nichts mehr aufnehmen. Einen Kaffee wollen wir noch trinken. Wir sind im Land des Kaffees, der hier in jedem Garten wächst. Und er ist wieder so lecker. Danach bekommen wir gerade noch zwei Plätze auf einem Boot, das auch gleich ablegt. Inzwischen wissen wir, wo wir gut und preiswert essen gehen und den Tag ausklingen lassen können.

Links:

Maximón – Wikipedia

Maximón – Ökumenisches Heiligenlexikon

Santiago de Atítlan – Wikipedia

Santiago Atitlan, Lake Atitlan, Atitlan, tzutujil, Maya, Guatemala

Un Lugar de Ensueño – Santiago Atitlán, Guatemala – YouTube

Documental Santiago Atitlán, Guatemala 🇬🇹 Filmado por Nick Pacay

Santiago Atitlán in Guatemala